Gedanken-Musik

Anmerkungen zu den „Partituren“ von Antonio Freileses

Unter dem präzisen und zugleich anregend offenen Titel „Partituren“ arbeitet Antonio Freiles an einem künstlerischen Projekt, das er zuletzt an verschiedenen Orten in Italien und Österreich ausstellte. Seine „Partituren“ sind malerische Rauminstallationen, die den Betrachter sofort in eine raumgreifende Atmosphäre von musikalischen Erlebniswelten entführen. Auf Notenständern werden exakt temperierte Farbtafeln – nur mit zarten Linienmustern strukturiert – aufgebaut. Der Betrachter stellt sich vor die gestaffelten Notenständer; er erlebt sich als Dirigent eines großen Farborchesters und „erhört“ sich gleichsam ein symphonisches Klanggebilde, das sich assoziativ aus den unterschiedlichsten Farb- und Formklängen aufbaut.

Die zeichnerisch-malerische Partitur verweist selbstverständlich – wie es die Aufgabe jeder Partitur ist – auf zu hörende Musik; verwendet also visuelle Muster, um akustische Erfahrungen zu provozieren. Während eine „normale“ Partitur jedoch eine absolut systemische Abstraktion musikalischer Hörstrukturen darstellt, sind die Partituren von Antonio Freiles umfassend sinnliche, ja im besten (kunsthistorischen) Wortsinn „konkrete“ Erfahrungen. Seine Partituren sind selbst als Musik zu verstehen; eine Musik, die nur im Kopf des Betrachters stattfinden kann und die letztlich vom Betrachter selbst komponiert wird. Der Künstler Freiles agiert hier als Katalysator; er setzt mit seiner Installation einen Prozess in Gang, an dem er selbst nicht mehr teil hat, einen Prozess jedoch, der vom Künstler präzise in eine bestimmte Richtung orientiert wird.

 

Es ist dies eine künstlerische Richtung, die ihre Wurzeln sehr klar in den wesentlichen Errungenschaften der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts hat: in einem klar weiter gedachten Verständnis der Moderne und im rezeptiven und verbindenden Weiterdenken der Konzeptkunst. Bezeichnender Weise sind genau diese beiden Entwicklungsstränge der europäischen Kunstgeschichte in besonderer Weise von einer Diskussion der Möglichkeiten einer Verbindung von Musik und Bildender Kunst bestimmt.

Wassily Kandinsky etwa, als einer der Haupttheoretiker der Moderne bestimmte die Musik als die abstrakteste aller Künste und daher am besten geeignet, um als Vorbild für die Eroberung eines Selbstwertes von Farbe und Form im Bereich der Bildenden Künste zu werden.

Ein halbes Jahrhundert später markierten in den 1960er Jahren Kunstbewegungen wie Fluxus und Concept-art eine neue Qualität in der Diskussion des Verhältnisses von Musik und Bildender Kunst. Insbesondere John  Cage stellte hier Musikerfahrung nicht nur als erweiterte situationsbezogene Erfahrung aller klanglichen Möglichkeiten des Menschen vor, sondern setzte zudem den Schritt weiter, auch eine in der jeweiligen Inszenierung sehr präzise gefasste Stille als musikalische Möglichkeit vorzustellen. Entscheidend ist hier stets die Kommunikation mit dem Betrachter, die Verbindung von künstlerischem Ideenimpuls mit einer offenen Rezeption.

 

Freiles integriert beide genannten Entwicklungstendenzen in umfassender Weise in sein Werk. Erst der Betrachter vervollständigt die Werkkonzeption zu einem künstlerischen Kompletterlebnis, zugleich ist jedoch der Eigenwert der farblichen und formalen Gestaltung der absolute Ausgangspunkt seiner Betrachtung.

Somit versteht es Freiles, mit seinen Partituren eine umfassende intellektuell-künstlerische Systemdiskussion aufzubauen, ohne auf so essentiell künstlerische Aspekte wie Poesie und Stimmung zu verzichten, die üblicherweise als Gegenpol zu analytischen Systemdiskursen fungieren. Gleichsam wie die ausholende Geste eines großen Dirigenten öffnet die Installation von Antonio Freiles einen Erfahrungsraum, der zusammenfügt, ohne bloß zu addieren, der ausgreift, ohne seinen klaren Standpunkt zu verlassen und der vor allem Gefühl und Verstand in einer Weise miteinander verschränkt, die alle Stärken dieser menschlichen Erfahrungsgrößen miteinander verbindet, ohne belehrend zu sein.

 

Und dann gibt es auch noch so etwas, wie eine zutiefst ästhetische Erfahrung: ein Farbenspiel, dessen Abstufungen, Graduierungen, Zwischentöne und Leuchtkraft eine lange malerische Auseinandersetzung verraten. Kraft und Eleganz erweitern sich hier in wechselseitig partnerschaftlicher Weise. Die konsequent erkennbare malerische Geste lässt die gesamte Szene gleichsam von einer stets neu aufgeladenen musikalischen Sehnsucht erfüllt sein.

Selbstverständlich greift Antonio Freiles hier auf seine jahrelange Erfahrung in der künstlerischen Arbeit an der Verbindung der speziellen Materialqualität von Papier und dem in diesem Medium erfolgten Aufbau von malerisch ausgerichteten Betrachtungskonzepten zurück: Der Klang der Farbe ist ihm räumlich orientiertes Faszinosum geblieben; dieser Farbraumklang wird jedoch zunehmend präziser gefasst und von unterschiedlichsten Seiten her gleichsam „angreifbar“ gemacht.

 

“Es ist nicht so, dass ich vorhabe, etwas Bestimmtes auszudrücken, sondern ich will etwas machen, das von demjenigen benutzt werden kann, der es ausdrucksvoll findet. Aber dieser „Ausdruck“ entsteht sozusagen erst durch Betrachter. …

Wir möchten nicht durch unsere Erinnerungen festgelegt sein. Es gibt Menschen und Dinge auf der Welt, und zu den Dingen gehören Töne. Wir möchten wir selbst sein und die Töne sie selbst sein lassen. Wir schaffen einfach eine Situation, in der sie frei sind. Wenn man das nicht Musik nennen will – nun, das soll uns recht sein.“ (John Cage, 1981)

Peter Assmann 


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